Montag, 31. Dezember 2012

Kurzer Blick zurück

Das Jahr der Fledermaus ist vorbei. Die Süssholzwurzel hat ausgedient als Arzneipflanze des Jahres, die Dohle als Vogel, die Neunaugen als Fische und der Hirschkäfer als Insekt des Jahres.

Er war sicher kein Neunauge, eher ein Dohl noch mehr Hirschkäfer: Capitano Schettino hat beim Süssholzraspeln sein Schiff versenkt. Nun kann er sein Kapitänsbillett an den Haken hängen und im Gefängnis bleiben, Costa Concordia liegt zwar weiterhin als Touristenattraktion vor der Insel Giglio, doch deren Tage sind gezählt wie die vom 2012.

Heidi Klum und Seal haben über ein Lifestyle-Magazin ihre Trennung bekannt gegeben, natürlich bleiben sie weiterhin beste Freunde. Tom Cruise bekommt nach der Blitzscheidung von seiner Katie Holmes eine neue Braut von den Scientology-Chefetage ausgewählt. Und wird im 2013 euphorisch über ein Sofa in irgendeiner Talkshow springen und die immerwährende Liebe verkünden.

Der alte Schwede König Carl Gustav meldet auch gute Nachrichten, seine Tochter Victoria hat eine Prinzessin geboren. Selbst der WWF billigt diese neue Wendung der Schwedischen Geschichte, hat er diesmal keinen Bock geschossen, was man vom Spanischen König nicht behaupten kann. Juan Carlos Flinte trifft in Afrika auf Elefanten, die Hüfte zerbricht und dabei fast die Ehe. War es nicht Königin Sofia, die ihn unter dem grauen Tier hervorzog, sondern seine deutsche Freundin Corinna von und zu Sayn-Wittgenstein. Die Engländer feiern das diamantene Thronjubiläum ihrer Queen Elisabeth, Prinz Harry und seine Freunde leichtbekleidete Pokernächte in Las Vegas und Kate mit William glückliche Momente in der Provence. Wer hätte damals gedacht, dass just dort der Willie den königlichen Wonneproppen unter das freigelegte Brüstchen seiner Kate legen würde? Lance Armstrong ist ebenfalls oben ohne unterwegs, hat er schliesslich all seine Gelben Trikots abgelegt.

Ein Forscherteam findet in Genf das Gottesteilchen, der Braunbär M 13 viel Honig im Puschlav und Christoph Mörgeli mehr Zeit, um seine Verschwörungstheorien zu verbreiten, muss er sich nun nicht mehr dem Medizinhistorischen Museum widmern. Die Frage ist bei ihm bloss, ob er als gut verdienender Schlosssprecher noch auf die staatliche Unterstützung der ALV angewiesen ist. Apropos drei Buchstaben: SVP Nationalrat Filippo Leutenegger hat einen Junggesellen-Sohn. Lorenzo, vor kurzem nur seinem Vater bekannt, geistert als Bachelor durch einen Privatsender, küsst ein paar hübsche Froileins, um sich schlussendlich für das eine zu entscheiden, das dann aber schliesslich nicht recht passen will. Janu, vielleicht ist er ja doch lieber unter seinesgleichen. Immerhin bietet sich für beide Leuteneggers im neuen Jahr die Gelegenheit zum ehrlichen Bekenntnis.

Silvio Berlusconi hat sich verlobt, sie, eine glühende Verehrerin seiner selbst – daher passt sie so hervorragend zu ihm – ist 50 Jahre Jahre jünger als er und spielt Bunga Bunga wie andere Karten. Zusammen sind sie glücklich und verschmerzen die geforderte Scheidungssumme seiner Exfrau Veronica Lario: 100'000 Euro. Pro Tag. Und ausserdem hat ein neues Maya-Zeitalter begonnen!

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Morsezeichen: Auslandreisen


Silvia steht an ihrem grossen Wohnzimmerfenster neben der Stehleuchte und macht das Licht an. Und wieder aus. An und wieder aus. Ob ich kurz Zeit hätte, morst sie über den See direkt zu mir herüber. Ich greife zur grossen Taschenlampe, stets einsatzbereit auf dem Sims, und leuchte kräftig von unsrer Stube an der Silberküste zu Herrlibergs Villenhügel. Alles in Ordnung bei euch, will ich wissen, waren wir schon länger nicht mehr auf Empfang. Ja, ja, antwortet Silvia sofort, sie hätte jetzt halt ein gröberes Coaching hinter sich, sie sage bloss ein Wort: Bundespräsident Maurer! Ich meine, das sind doch grad zwei und frage stattdessen nach dem Coaching. Also, beginnt Silvia, ich als Lehrerin a.D. habe natürlich sofort realisiert, dass unser Ueli ein immenses Problem mit fremden Sprachen hat, bei Französisch springt zum Glück Didier Burkhalter ein, dolmetscht und redet für ihn, im Italienischen und Romanischen braucht er momentan ‚orso’ oder ‚urs’ und ‚problem’, das beherrscht Ueli inzwischen recht gut, aber englisch, da geht überhaupt nichts. Daher habe sie ein intensives Englisch-Coaching durchgeführt, fährt Silvia fort. Dann ists dunkel über dem See. Ich drücke auf meine Lampe, englisch kann ich auch nicht, zünde ich, ein paar Lektionen würden mir auch gut tun. Minuten später meldet sich Silvia: Eben ist der Ueli zu mir getreten, machen wir schnell ein Learning by doing miteinander! Wow, schluck ich trocken, mit einem Bundespräsidenten hab ich noch nie, nicht gesprochen, nicht gemorst, geschweige eine English-Lesson abgehalten! Hi Ueli, I’am Irma, leuchte ich leicht errötet. Keine Antwort. Nichts passiert. Da schaltet sich Silvia ein, sorry, mit Irma haben wir keine Übung, meld dich doch als Michelle Obama. Ok, geb ich zurück, hi Ueli, my name is Michelle Obama, how are you? Und kaum hab ichs über den See geschickt, kommts wie aus dem Sturmgewehr geschossen: Hello, I am Ueli from Switzerland and you are so great and black and beautiful! Ich nicke, ja, ja, im Dunkeln kannst du das leicht sagen, fühle mich aber trotzdem ein bisschen Obama-like. Und jetzt, funkt Silvia dazwischen, stell dich bitte als Putin vor. Easy, denk ich, greife rasch nach einer Flasche Wodka im Schrank und warte auf Uelis Botschaft. Hello, I am Ueli from Switzerland and you are so great and strong and beautiful! Ich nicke erneut, nastrowje, das Englisch sitzt ja perfekt, ich fühl mich echt Wladimir! Kurz danach morst Silvia, sie habe den Ueli verabschiedet, er sei nun auf dem Weg nach Bern, das mit dem Englisch bleibe einfach katastrophal. Burkhalter muss zum Französischen ab sofort auch die Auslandreisen übernehmen, auf denen ja eh nur englisch gesprochen wird. Die SVP verspricht im Gegenzug der FDP, Burkhalter einstimmig als nächsten Bundesratspräsidenten zu wählen und Filippo Leutenegger als dessen Vize. Darauf das Licht über Herrlibergs Villenhügel erlöscht. Leutenegger Filippo, überleg ich flüchtig, während ich die Taschenlampe aufs Sims zurückstell, heisst der nicht Lorenzo?

Freitag, 2. November 2012

Aus Amerika: Halloween in Pennsylvania


Halloween, ein lustiger Brauch. Grad für unsre Kleinen. Sie stolpern im Dunkeln mit schlottrig schwarzem Overall und weissem Skelettaufdruck von Tür zu Tür, klingeln kurz, pressen ein hastiges ‚Süsses oder Saures’ hervor und zotteln glücklich und aufgeregt mit der Beute zum nächsten Haus. Happy Halloween!

An einer Halloween-Party im US-Staat Pennsylvania hatte sich ein neunjähriges Mädchen als Stinktier verkleidet. Sich in ein schwarzes Kostüm gezwängt, einen schwarzen Hut mit weisser Quaste aufgesetzt, war mutig losgezogen und hatte in der Nachbarschaft nach Süssem und Saurem gefragt. Vermutlich waren es bereits etwas zu viele ‚Trick or Treat’, dem Stinktiermädchen wurde unwohl, aufgebläht war es und so kauerte es sich nieder unweit seines Onkels Haus. Und gärte ein wenig vor sich hin. Der Onkel jedoch, wachsam wie ein scharfer Hund, beobachtete genau, was um ihn und sein Hoheitsrevier herum geschah. Er fühlte sich bedroht ob der dunklen, wenn auch kleinen Gestalt, die sich ein paar Meter weit entfernt hinter seinem Gartenzaun bewegte. Zum Glück hat jeder rechte amerikanische Bürger eine Waffe im Haus! Geistesgegenwärtig griff er in den Stubenschrank zwischen Whiskey und Brandy, zog seine Flinte heraus, hechtete ans Fenster, zögerte nicht und setzte zum finalen Schuss an: Paff und niedergestreckt das unheimliche Wesen!

Doch gemach: Das unschuldige Stinktier hatte Glück im Unglück. Das neunjährige Mädchen wurde nur an der Schulter verletzt. Diese wurde zwar wegeschossen, aber, so gab der dortige Polizeichef bekannt, ansonsten sei das Kind unverletzt. In Onkels Stube hängt nun neben Hirschgeweih und Rehböcklein ein zierliches Schlüsselbein an der Wand: Skunk, weibl., teilw. erlegt, Jagd 2012. Waidmannsdank an Halloween!

Montag, 22. Oktober 2012

Yoga für Einsteiger

Im Kindergarten einer Ortschaft im Kanton Zürich treffen sich allerlei Buben und Mädchen diverser Kulturen. Die bunte Kinderschar also wärmt sich in diesem Kindergarten mit lustigen Rhythmusspielchen auf, spricht über ein aktuelles Thema wie die Auswirkungen der Klimaerwärmung im Herbst oder weshalb steigen die Temperaturen im Oktober über 20 Grad und macht dann Spiele mit Figuren wie stehendes Knie, entzündete Kerze, herabschauender Hund, stummer Baum, gleissende Sonne oder weiser Halbmond. Am Ende der gewiss etwas anstrengenden Stunde entspannen sich die Cheglischüler mit geschlossenen Augen auf der Matte liegend, während die Lehrerin zu leiser Musik eine kleine Traumgeschichte erzählt. Ommm. So stands kürzlich geschrieben in einer Tageszeitung im Kanton Zürich.
Diese Lektionen laufen unter dem Titel ‚Yoga’. Yoga für Kindergartenschüler. Yoga für Einsteiger. Den Eltern eines Kindergarten-Buben ging das jedoch zu weit. Sie hatten bei der Schulpflege um eine Dispensation ihres Juniors vom Yoga ersucht. Oder gar eine Umteilung in einen anderen Kindergarten gefordert, in dem vielleicht gejodelt oder ein Jasskurs für kleine Hände geboten wird, statt sich nach dem Sonnengruss zu richten. Yoga komme aus dem Hinduismus, argumentierten sie argwöhnisch, und habe die Auflösung der Seele im göttlichen Brahman zum Ziel. Öffentliche Schulen aber seien den Grundwerten des demokratischen Staatswesen verpflichtet und hätten sich gemäss Kantonsverfassung konfessionell und politisch neutral zu verhalten. Kruzifx nochmal!
Dem wurde widersprochen. Der Yoga-Unterricht sei religionsneutral ausgerichtet und diene ausschliesslich zur Förderung der Gesundheit, Beweglichkeit und Haltung, sprach die Schulpflege. Die Eltern schüttelten den Kopf und rekurrierten beim Bezirksgericht. Als das nichts nützte, führten sie Beschwerde beim Verwaltungsgericht wegen Verletzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Doch auch dieses entschied, die breite Öffentlichkeit assoziiere Yoga heute mit Gymnastik- und Entspannungsübungen – und nicht mit rituellen Handlungen. Grosse Teile unserer Zivilisation, die auch den Schulunterricht prägen, liessen sich auf religiöse Ursprünge zurückführen. Zum Beispiel die Anfänge des europäischen Theaters im antiken Griechenland, so das Verwaltungsgericht weiter, wurden nämlich damals die Vorführungen zu Ehren griechischer Götter abgehalten.
Die Eltern können das kürzlich publizierte Urteil nun noch ans Bundesgericht weiterziehen. Das Ganze ist natürlich sehr zeitaufwändig, nebenbei wollen Mami und Papi ihren Buben ja weiterhin im Frühchinesisch unterstützen, für den Förder-Englisch-Unterricht genügend Stunden einplanen, ihm im Theaterverbund ‚Sokrates für Einsteiger’ die altgriechische Philosophie näher bringen und zum körperlichen Ausgleich ins Aikido chauffieren, damit der fernöstliche Kampfsportgedanke nicht zu kurz kommt. Aber bitte sehr, sicher nicht zusammen mit den anderen Chegelischülern. Wo bleibt denn da die Diversität des Individuums, bzw. der Wettbewerbsvorteil im Kampf um die oberste Sprosse auf der Karriereleiter?

Freitag, 12. Oktober 2012

Vor, vor Weihnachten

Migros-Kundin Susan Gasser hat sich kürzlich kritisch auf der Migros-Facebookseite zu den immer früher werdenden Weihnachtsberieselungen in den Migros-Filialen geäussert. Es entspreche überhaupt nicht den Wünschen der Käufer und Käuferinnen, bereits im Oktober mit Brunsli und Zimtsternen Kontakt aufnehmen zu wollen. Kurz darauf hats bei ihr ,Daumen hoch’ gehagelt. Viele andere Leidensgenossen, sprich Migros-Kinder, haben diese prä-Natale Verkaufsaktion genauso beanstandet. Die Migros hat dieser positiven Entwicklung nicht lange zugeschaut und mit einer Wohltätigkeitsidee reagiert. Jedes Däumchen hoch noch am selbigen Abend bis 18 Uhr würden 100 Gramm Guetzli für ein Schweizer Kinderheim bedeuten. Ein christliches Zeichen als Entschädigung des unchristlichen Hintergedankens, mit Brunsli und Zimtsternen den Oktoberumsatz in göttliche Höhen zu treiben? Schlussendlich warens 13'696 mal 100 g Süssgebäck. Brunsli oder Zimststerne. Die die Migros spendet. Und die jetzt in den Filialen fehlen. Somit zwei Fliegen auf einen Streich. Glückliche Kinder in Kinderheimen und glückliche Migros-Kinder in den Läden.

Also ich bin ja eher ein Coop-Kind. Und im Gegensatz zu Susan Gasser mag ichs kaum erwarten bis mein Grossverteiler des Vertrauens grosszügig die farbigen Lebkuchentannenbäumchen oder Lebkuchensternli mit dem zartrosa-weissen Zuckerguss in den überdimensionalen Zellophansäcken neben den Kassen verteilt. Darfs bereits nach den Sommerferien im August sein? Oder doch erst anfangs September? Und dann verschwinden sie subito nach den üppigen Festtagen in der Versenkung, als wären sie gar nie da gewesen, um pünktlich im Spätsommer wieder aufzutauchen... Ein ewiger Kreislauf. Die Farbe zwar von Jahr zu Jahr etwas blasser, dafür die Konsistenz kontinuierlich kompakter... Aber lassen wir das. Schauen wir kurz zu Lindt & Sprüngli. Die goldenen Schoggidinger mit den dicken Ohren und dem Glöckli am roten Bändeli katapultieren sich im Februar als Hasen auf die Verkaufstische mitten im Laden, ziehen sich nach Ostern generalstabsmässig zurück, gehen kurz in die Maske und erscheinen im Oktober als eine Art Hirsch oder Rentier. Rudolphs sozusagen, statt roter Nase einfach rotes Bändeli. Doch nun kommt das Geweihtier als Bär daher. Ein Goldbär am Start des offiziellen Weihnachtseröffnungsrennen. Mitten im Oktober. Aber Lindt wäre nicht Sprüngli, wenns nicht ein besonderer Bär wär. Einer, der die Herzen der Kinder berührt. Schau Mami, wie süss, ein Okto-Bär! Und schon landet er im Einkaufskörbli. Alles wird gut. In diesem Sinne: Frühliche Weihnachten!

Donnerstag, 27. September 2012

Schlossgespräche – Leichen im Keller


Graue Wolken hängen tief am Himmel, jeden Moment werden sie sich über dem Schloss Rhäzüns entleeren. Silvia steht am Fenster, ein Feuer im Cheminée wärmt das Zimmer. Garstige Zeiten sinds, nicht wahr, mein Christoph, spricht sie zu ihrem Mann, der im gepolsterten Louis-quinze-Schaukelstuhl leicht auf und ab wippt. Ungeduldig trommelt er mit seinen Fingern auf den dunkel lackierten Armlehnen, Himmel noch mal, wo bleibt er denn, schimpft er laut. Am grossen runden Tisch sitzen bereits Hofschreiber Köppel und ein strahlender Brunner Toni. Das Sünneli wärmt mich halt immer, egal, obs grad scheint oder nicht, lächelt Toni. Silvia verschränkt die Arme, es zieht durch das alte Gemäuer, sie fröstelt leicht. Wollen wir schon mal anfangen, sagt Köppel, wir können ja auch ohne Mörgeli unsre Strategie besprechen. Ein Skandal ist das, schimpft Christoph, steht auf und gesellt sich zu seinen Kollegen, unser bester Mann wird verheizt und von der Uni geworfen! Nur weil seine Vorlesungen nicht besucht werden, fragt Brunner nach, oder hat das mit den alleingelassenen und ungepflegten Leichen im Keller zu tun? Köppel schüttelt den Kopf: Toni, du verstehst das nicht, das ist höhere Schule. Hier geht es um Mobbing, unsren Mörgeli hat man an der Uni geschasst, weil er ein SVPler ist, die linken Professoren haben ihn einfach nicht mehr gewollt. Obwohl er sozusagen das beste Pferd im Stall war, schliesst Köppel seine Erklärung. Toni nickt. Pferd im Stall, das hat er verstanden, das ist in etwa so wie mit seinen Kühen. Oder Säuen. Wo käme er hin, wenn er seine Tiere entlässt, nur weil sie subventioniertes Heu fressen, stellt Brunner klar.

Just in diesem Moment klopft es unten an der Pforte. Silvia huscht die Treppe hinab und bittet ihn hinein, endlich bist du da, heisst sie Mörgeli willkommen, du wirst oben im Herrenzimmer längst erwartet. Entschuldigt die Verspätung, begrüsst er seine Kameraden hastig: Es war einiges los in den letzten Tagen. Unglaublich, dieses linke Pack an unserer staatlichen Universität, beginnt er seine Rede, hat mich, den Titularprofessor einfach so kaltgestellt. Ich sei kein rechter Schaffer, behauptet man, mein Inventar im medizinischen Institut sei veraltet und verstaubt, hoho, wo sind wir denn? Meine Leichen im Keller nicht gut gepflegt? Einmal eingelegt in ein Glas, halten die doch für die Ewigkeit! Dass ich meine Vorlesungen seit 13 Jahren unverändert halte, ist doch ein Zeichen von Kontinuität und dass sie gar nicht besucht werden, ein weiteres Zeichen, nämlich welch faule Banausen die heutigen Studenten sind, also bestimmt nicht mein Problem! Dafür habe ich während dieser Zeit viel für unser Volk recherchieren und Missstände aufdecken können, ich sprech von den Invaliden und Asylanten, die zum Schein dem Staat auf der Kasse liegen und ich rede davon, dass  auch ein Nationalbankchef Leichen im Keller hat, so hab ich ihn geschasst! Mörgeli schaut erwartungsvoll in die Runde. Gut gemacht, erhebt Christoph Blocher seine Stimme, wir sind stolz darauf, einen wie dich in unseren Reihen zu haben, der sich wahrlich um die Leichen im Keller sorgt und dafür, dass alle, die zum Schein auf  Staatskosten leben, unverzüglich entfernt werden! Ich habe geschlossen. Das Protokoll ist natürlich vertraulich, raunt Blocher dem Schreiber ins Ohr, ich erwarte die Details wie gewohnt in der nächsten Weltwoche.


Dienstag, 25. September 2012

Schlossgespräche – Gefangen im Netz


Das erste gefallene Laub wirbelt vom Wind getrieben durch den Schlosshof von und zu Rhäzüns. Der Herbst hat sich angemeldet und während die Gemahlin des Gutsbesitzers sanft an den welken Rosenblättern zupft, schreitet ein grossgewachsener Wanderer mit reichlich beladenem Rucksack des Weges direkt auf die schwere Pforte zu. Grüss dich, Oskar, lächelt Silvia aus gebückter Haltung dem finster dreinblickenden Freysinger zu, der Christoph erwartet dich oben in der Herrenstube. Oskar nickt zurück, ei, ei, die Silvia, denkt er sich, auf Rosen gebettet, wenn das kein gutes Omen ist... Er schmunzelt, eilt ins Schloss und die herrschaftliche Treppe hinauf zum Herrenzimmer. Kurz angeklopft, da ertönt schon des Schlossherrn Stimme: Komm, wir haben auf dich gewartet. Oskar drückt die Klinke und betritt die herrschaftliche Stube. Düster erscheint sie ihm, die Vorhänge zugezogen, bloss die Kerzen auf dem silbernen Leuchter spenden flackernd etwas Licht. Oben am Tisch der Christoph, zu seiner Rechten sitzt mit gespitztem Stift und blütenweissem Papier vor sich der Hofschreiber Köppel, seinen Praktikanten Somm neben sich. Links von denen findet sich der Brunner Toni, man sagt gar, er sei der Präsident dieser Schweizer Volkspartei. Papperlapapp, ruft Christoph, Präsident bin und bleibe ich, auf Lebzeiten! Aber das müssen die da draussen ja nicht unbedingt wissen. Setz dich Freysinger, wir haben zu reden und zu handeln! Oskar lässt scheppernd den mitgebrachten Rucksack zu Boden und nimmt Platz. Schon bellt Christoph: Wir haben keine Zeit zu verlieren, fangen wir also an – Freysinger, du hast das Wort. Oskar streicht seine im Nacken zusammengebunden Haare zurecht und beginnt räuspernd: Diese Räubergeschichte – die ich übrigens selbst nicht besser hätte schreiben können – ist wohl etwas aus dem Ruder gelaufen. Der Tod des Moldawiers auf der Ibergeregg nicht geplant, die Protagonisten allgemein überfordert, wie unser Schwyzer Parteikollega Sepp Spiess, der auf Facebook darüber schwadroniert und sich exponiert. Und so schliesse ich, spricht Freysinger weiter, meinen Essay mit folgender Quintessenz: Für unsre Parteikollegen muss ein Social Media Verbot verfügt werden! Um sie zu schützen, denn es kann schnell passieren, dass man irgendeinen Stuss zusammenschreibt! Vor allem, wenn man steinhässig oder betrunken ist, was ja die beiden Aggregatszustände unserer Parteikollegen sind, bevor sie zu heisser Luft werden! Sehr gefährlich! Christoph beugt sich zufrieden vor: So ists recht, und überhaupt, wo kommen wir denn hin, wenn die Medien jetzt schon sozial sind! Habt ihr alles aufgeschrieben, raunt er dem Köppel und dem Somm zu. Und während diese eifrig nicken, gleichzeitig noch ihren Facebook-Status auf dem neuen iPhone 5 aktualisieren, packt Freysinger die mitgebrachten Walliser Weine aus seinem ledernen Rucksack. Kameraden, erhebt Oskar feierlich die Stimme, jetzt haben wir uns aber einen gehörigen Schluck verdient! Prost!