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Dienstag, 8. Dezember 2015

Schlossgespräche: Die Nacht der langen Messer

Tief unten drängt sich der Rhein am Felsen vorbei, die feuchte Kälte klettert langsam hoch und dringt in die alten Gemäuer des Schlosses Rhäzüns ein. Im Innenhof bückt sich Christoph Mörgeli, in einen dicken Wintermantel gehüllt, etwas ungelenk über die Rosenstöcke und klaubt vereinzelte braune, leicht verfaulte Blätter von den Dornen. Seit er nicht mehr seine Zeit im Nationalrat verplempern muss, ist er viel häufiger im Schloss anzutreffen, sehr zur Freude von Silvia, die nie genug Christophs um sich versammelt haben kann, wie sie manchmal scherzt. Mörgeli, ruft Christoph Blocher aus dem Fenster des Herrenzimmers, schau schnell ins Verlies, obs etwas Wasser und Brot braucht und komm danach hoch zu uns, unsre Strategiesitzung fängt jetzt an! Im Zimmer versammelt sind Adrian Amstutz, der Fraktionschef, der diese Tage über sich hinauswächst, wie Blocher freudig festgestellt hat, sämtliche Antworten, die Christoph dem Amstutz aufgeschrieben und dieser der Presse zum Thema Dreier-Ticket Bundesratskandidaten wiedergegeben hat, waren ohne Abweichungen 1:1 zum Originaltext. Das beweist, dass Amstutz nun schon viel besser lesen kann, als noch zu Beginn seiner Zeit als Präsident der Fraktion. Toni Brunner, als Protokollführer der Schlosssitzungen mit Block und Bleistift bewaffnet, läuft zu seiner persönlichen Bestform auf, seit er mit seinen Zeichnungen die wichtigsten Beschlüsse festhalten kann. Die Parteileitung hat seither viel mehr Respekt vor ihm. Konzentriert malt er eine Sonne mit drei aufrechten und zwei leicht geknickten Strahlen. Ein schwörendes SVP-Bundesratssünneli. Roger Köppel zu seiner rechten schüttelt den Kopf. Infantilismus ist die Vorstufe der kompletten Idiotie, raunt er leise seiner Nachbarin Magdalena ins Ohr. Hä, Mister Köppel, wot häv yu, krächzt sie, können wir nicht endlich loslegen, wir brauchen hier gar keinen Beamer!
Die Wahlfreiheit des Parlaments haben wir zum Glück eingeschränkt, beginnt Blocher, möchte ja nicht wissen, wen sie dort oben in Bern als Bundesrat auf die Zettel schreiben würden, am Ende vermutlich gar mich! Die besten Kandidaten wären selbstverständlich meine Magdi oder der Köppel gewesen, referiert Christoph weiter, doch übt euch in Geduld, in vier Jahren ist es so weit. Dieser neue Bundesrat aber ist zweite Wahl und ein Strohmann, er wird von mir täglich instruiert, sonst wäre er natürlich nur ein halber Bundesrat, klärt Blocher lachend auf. Kaum hat Toni das Strichmännchen fertig gezeichnet, muss er es bereits wieder halbieren. Aufpassen müssen wir einzig auf die Sprengkandidaten aus unseren Reihen, warnt Blocher. In diesem Moment tritt Mörgeli mit einem langen Messer ins Herrenzimmer. Germann, Hurter und Brand sind nach wie vor angekettet unten im Verlies, berichtet Mörgeli, einzig fehlt die Widmer Gysel, sie hat sich befreien können und ist auf der Flucht! Blocher wird bleich und lässt sich auf seinen Stuhl sinken. Nicht schon wieder eine Widmer, die ihm Ärger macht!

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Schlossgespräche: Ross und Reiter

Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, schimpft Christoph Blocher und schaut streng in die Runde. Eine ausserordentliche Sitzung im Schloss Rhäzüns ist einberufen. Draussen pfeift der Herbststurm hässig um die Mauern und rüttelt an den Fenstern. Drinnen im Herrenzimmer sitzen Amstutz, Mörgeli, Köppel, Brunner und Martullo am polierten Eichentisch. Letztere natürlich neben ihrem Vater. Dass wir die Wahlen gewinnen ist sonnenklar, fährt Blocher fort, wir müssen uns heute einzig auf den zweiten Bundesrat einigen, damit wir alles zackig vorwärts bringen, dort oben in Bern. Nicht so schnell, ruft ein sichtlich aufgeregter Toni Brunner, es ist doch meine erste Sitzung als Protokollführer! Christoph hat ihm einen Laptop hingestellt. Mit einem ausgeklügelten Rechtschreibeprogramm. Doch als hätte ers geahnt, wie langsam Tonis Finger über der Tastatur kreisen, liegt daneben noch ein Notizblock bereit. Ein Sünneli hat der Brunner Toni nun schon darauf gemalt und dahinter ein Fragezeichen. Das steht für Bundesrat, klärt er den Roger Köppel auf, der ein wenig konsterniert auf das sonst noch leere Blatt Papier schielt. Köppel räuspert sich, drückt seine Brille auf dem Nasenrücken zurecht und als er gerade zu einer brillanten Rede ansetzen will, winkt Magdalena Martullo ab. Roger, spar dir deine schlauen Worte für den Nationalrat auf. Was wir hier suchen ist der neue, der richtige Bundesrat aus unserer Reihe, komm, machen wir doch grad mal eine Übung dazu: Was würdest du tun, wenn du als Bundesrat eine Präsentation machen willst und dein Beamer ist kaputt? Hä? Mister Köppel, was würdest du tun? Hä, Mister Amstutz? Brunner Toni kaut angespannt auf dem Bleistift herum, das Sünneli hat er durchgestrichen und „kaputt“ darunter gekritzelt. Hä, Mister Mörgeli, doppelt Martullo nach, what is se first sing to do? Vater Christoph lehnt sich entspannt in seinen Louis-quinze-Stuhl zurück, schon gut hat er seine Magdi ins Ausland geschickt, das Internationale verkörpert sie helvetisch souverän, logisch, se apple does not fall far from se tree! Amstutz schnaubt und streicht sich eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Mörgeli neben ihm lächelt süffisant, seit ich meine Haare färbe, sehe ich aus wie neununddreissig und selbst meine Freundinnen werden immer jünger, verstehst du? Martullo blafft ihn an: Mister Mörgeli, wenn du hier nichts zur Lösung beitragen kannst, dann hör gefälligst auf zu tuscheln! Die Herren schweigen. If you have a problem you need to fix it!, hilft Martullo ihnen auf die Sprünge. Ich könnte mich leicht als Bundesrat wählen lassen, versucht Amstutz sich zu erklären, man nennt mich schliesslich den Alpen-Richard-Gere, die Frauen vom ganzen Berner Oberland stehen hinter mir, doch als Fraktionspräsident unserer Partei kann ich ja nicht gleichzeitig Ross und Reiter sein! Ha, ha, schnaubt Martullo verächtlich, damit hat unsereins kein Problem, ich gehe locker als Ross durch und reiten kann ich auch! Und da wirds den Männern in der Runde schlagartig klar, dass sie nur Steigbügelhalter für die neue Bundesrätin sind! Während Köppel verbissen auf seiner Unterlippe kaut, Amstutz und Mörgeli blutleer auf ihren Stühlen kleben, applaudiert Christoph seiner Tochter. Inzwischen hat Toni konzentriert ein stämmiges Pferd gezeichnet. Das Protokoll ist jetzt fertig, strahlt er stolz.

Donnerstag, 27. September 2012

Schlossgespräche – Leichen im Keller


Graue Wolken hängen tief am Himmel, jeden Moment werden sie sich über dem Schloss Rhäzüns entleeren. Silvia steht am Fenster, ein Feuer im Cheminée wärmt das Zimmer. Garstige Zeiten sinds, nicht wahr, mein Christoph, spricht sie zu ihrem Mann, der im gepolsterten Louis-quinze-Schaukelstuhl leicht auf und ab wippt. Ungeduldig trommelt er mit seinen Fingern auf den dunkel lackierten Armlehnen, Himmel noch mal, wo bleibt er denn, schimpft er laut. Am grossen runden Tisch sitzen bereits Hofschreiber Köppel und ein strahlender Brunner Toni. Das Sünneli wärmt mich halt immer, egal, obs grad scheint oder nicht, lächelt Toni. Silvia verschränkt die Arme, es zieht durch das alte Gemäuer, sie fröstelt leicht. Wollen wir schon mal anfangen, sagt Köppel, wir können ja auch ohne Mörgeli unsre Strategie besprechen. Ein Skandal ist das, schimpft Christoph, steht auf und gesellt sich zu seinen Kollegen, unser bester Mann wird verheizt und von der Uni geworfen! Nur weil seine Vorlesungen nicht besucht werden, fragt Brunner nach, oder hat das mit den alleingelassenen und ungepflegten Leichen im Keller zu tun? Köppel schüttelt den Kopf: Toni, du verstehst das nicht, das ist höhere Schule. Hier geht es um Mobbing, unsren Mörgeli hat man an der Uni geschasst, weil er ein SVPler ist, die linken Professoren haben ihn einfach nicht mehr gewollt. Obwohl er sozusagen das beste Pferd im Stall war, schliesst Köppel seine Erklärung. Toni nickt. Pferd im Stall, das hat er verstanden, das ist in etwa so wie mit seinen Kühen. Oder Säuen. Wo käme er hin, wenn er seine Tiere entlässt, nur weil sie subventioniertes Heu fressen, stellt Brunner klar.

Just in diesem Moment klopft es unten an der Pforte. Silvia huscht die Treppe hinab und bittet ihn hinein, endlich bist du da, heisst sie Mörgeli willkommen, du wirst oben im Herrenzimmer längst erwartet. Entschuldigt die Verspätung, begrüsst er seine Kameraden hastig: Es war einiges los in den letzten Tagen. Unglaublich, dieses linke Pack an unserer staatlichen Universität, beginnt er seine Rede, hat mich, den Titularprofessor einfach so kaltgestellt. Ich sei kein rechter Schaffer, behauptet man, mein Inventar im medizinischen Institut sei veraltet und verstaubt, hoho, wo sind wir denn? Meine Leichen im Keller nicht gut gepflegt? Einmal eingelegt in ein Glas, halten die doch für die Ewigkeit! Dass ich meine Vorlesungen seit 13 Jahren unverändert halte, ist doch ein Zeichen von Kontinuität und dass sie gar nicht besucht werden, ein weiteres Zeichen, nämlich welch faule Banausen die heutigen Studenten sind, also bestimmt nicht mein Problem! Dafür habe ich während dieser Zeit viel für unser Volk recherchieren und Missstände aufdecken können, ich sprech von den Invaliden und Asylanten, die zum Schein dem Staat auf der Kasse liegen und ich rede davon, dass  auch ein Nationalbankchef Leichen im Keller hat, so hab ich ihn geschasst! Mörgeli schaut erwartungsvoll in die Runde. Gut gemacht, erhebt Christoph Blocher seine Stimme, wir sind stolz darauf, einen wie dich in unseren Reihen zu haben, der sich wahrlich um die Leichen im Keller sorgt und dafür, dass alle, die zum Schein auf  Staatskosten leben, unverzüglich entfernt werden! Ich habe geschlossen. Das Protokoll ist natürlich vertraulich, raunt Blocher dem Schreiber ins Ohr, ich erwarte die Details wie gewohnt in der nächsten Weltwoche.


Dienstag, 20. Dezember 2011

Schlossgespräche: Die neue Strategie

Ein eisiger Wind heult um die dicken Mauern des Schlosses und rüttelt an den alten Fenstern. Der Himmel zeigt sich dunkel und wahrlich nicht von seiner schönsten Seite. Tief unterhalb der Gemäuer tost aufbrausend der Hinterrhein, als wüsste er hier schon, dass er demnächst mit dem Vorderrhein fusionieren wird. Ob er will oder nicht. Drinnen im alten Saal flackert und wärmt das Kaminfeuer. Die dicken, samtenen Vorhänge sind zugezogen, nichts deutet auf einen Sturm im Inneren hin. Mein Stuhl wackelt, raunt Christoph, während er am grossen Tisch am unteren Rand mit seinem Sackmesser Striche ritzt. Caspar nickt, ja, da muss wohl ein Handwerker gerufen werden, um das Bein zu richten. Eben ist Mörgeli ins Zimmer getreten. Der Regen hat seine Haarfarbe leicht verwässert, ein schwarzes Rinnsal läuft vom Scheitel über die Stirn der Nase entlang und tropft stetig auf sein weisses Hemd, ansonsten ist er glatt wie immer. Ich habe ein paar Strategieblätter vorbereitet, räuspert sich Christoph, warten wir noch auf den Brunner und dann legen wir los. Und just als er den Namen ausgesprochen hat, klopfts laut und heftig am Eingangstor. Silvia huscht die breite Treppe herunter und drückt die schwere Tür einen kleinen Spalt weit auf. Das Losungswort, zischt sie in die kalte Luft hinaus. Tripper B, flüstert der Draussenstehende. Silvia bittet ihn kopfschüttelnd herein, Triple B heissts, Toni, merk dir das endlich, tadelt sie ihn und nimmt ihm seinen durchtränkten Umhang ab. Kurz später betritt Toni das Herrenzimmer. Entschuldigt die Verspätung, bei mir hat eine Kuh gekalbert, darauf hab ich im Haus der Freiheit ein paar Schnäpse getrunken, hickst Brunner und setzt sich Mörgeli auf den Schoss. Christoph straft ihn mit einem strengen Blick. Anwesend sind längst Baader und Blocher und jetzt endlich Brunner, beginnt Christoph seine eilends einberufene Krisensitzung, ebenfalls Mörgeli und als Protokollschreiber mein stets loyal ergebener Hofchronist Köppel. Köppel zwinkert etwas verlegen, es sei doch gar seine Pflicht, die Missstände und Probleme aufzudecken, die Christoph ihm jeweils diktiere. Christoph nickt, so ists recht. Und nun geb ich euch die neue Strategie bekannt, die Ende Januar an unserer nächsten Delegiertenversammlung gutgeheissen wird: Wir wählen Eveline Widmer-Schlumpf ab. Wer nicht spurt, wird ausgeschlossen aus unserer Partei. So. Mehr hab ich dazu nicht zu sagen, schliesst Christoph seine Rede. Während Köppel noch eifrig am Protokoll feilt, steht Toni auf, haben wir diese Strategie nicht grad jetzt gehabt? Na und, bellt Christoph zurück, deine Kuh kalbert ja auch jedes Jahr und du freust dich immer, als wärs das erste Mal!

Donnerstag, 18. August 2011

Schlossgespräche: Eine Sparstrategie

Es drängt, wir müssen handeln, hat der Meister gerufen und seine zwei getreuen Gefährten zu einem Treffen im ehrwürdigen Schloss Rhäzüns geladen. Dunkle Gewitterwolken treiben über den herrschaftlichen Sitz hinweg, erste Tropfen peitschen ans alte Gemäuer. Zieh die samtenen Vorhänge zu, bittet Christoph seine Silvia, wir wollen das Düstere lieber draussen lassen. Und wie ers sagt, pocht es unten laut und heftig an der Eingangstür. So klopft nur der Toni, raunt Christoph, lass ihn herein, er will ja gern der erste sein! Silvia eilt, begrüsst den Gast und nimmt ihm seinen vom Regen schwer durchnässten Umhang ab. Doch daraus schält sich zu ihrer grossen Verwunderung nicht etwa der Toni, nein, es ist Filippo. Toni hat sich in der Rosenhecke verheddert, aber er wird demnächst ebenfalls hier auftauchen, flüstert Filippo Silvia zu und steigt die Treppe hoch zum Saal. Setz dich, mein Freund, spricht Christoph, höchste Zeit, dass du endlich da bist. Wir müssen die neue Strategie besprechen. Der Franken ist zu stark, es gilt ihn zu retten! Meine konkreten Vorschläge sind eine Rationalisierung der Bundesbetriebe und tiefere Steuern. Filippo nickt, er selbst könnte es nicht treffender formulieren. Steuersenkungen für grosse Unternehmen, natürlich zum Wohl des einfachen Volkes, präzisiert Christoph und überschlägt im Kopf schon mal grob den Zugewinn für sein Familien-Imperium. Lächelnd reicht er Filippo die Hand. Jetzt zahlt sich dein langes Aussitzen in der FDP aus, zusammen wird es uns gelingen, die Kosten des Staates herunterzufahren, spricht Christoph weiter, klappt es, werde ich dich zu meinem Vize-Chef-Strategen machen, dann gehörst du offiziell mit Haut und Haar zur SVP! In diesem Moment platzt ein leicht lädierter Toni in den Saal. Entschuldigt bitte, japst er und klaubt ein paar letzte Dornen aus seinem Jackett, ich wurde von einer dunklen Gestalt abgedrängt und hab mich in Silvias Rosenstrauch verfangen. Nun aber bin ich da und zu allem bereit. Christoph winkt ab. Schon erledigt, der Filippo und ich sind uns längst einig. Jetzt gilt es nur noch, das Ganze umzusetzen. Am besten sparen wir auf dem Buckel der Invaliden. Die können sich eh nicht wehren, erklärt Christoph seine Gedankengänge. Eine neue Plakatkampagne, wirft Filippo ein, mit einem Rollstuhl vielleicht, einem leeren, wie er den Berg herunter purzelt. Ha, klopft sich Toni auf die Schenkel, das kenn ich, da gabs unlängst einen Fall oberhalb von Maienfeld, mit einer Deutschen, wie hiess sie noch mal.. Klara, genau, und beschuldigt wurde damals ein Schweizer, ein gewisser Peter, er soll zu jenem Zeitpunkt mit einer Heidi unterwegs gewesen sein, wenn ich bloss wüsste, wo ich das gelesen habe. Christoph schaut über seinen Brillenrand zu Filippo, er lächelt milde, gut gemacht Toni, das ist genau das, was wir gesucht haben. Das Sujet mit dem Ausländer, der im Rollstuhl sitzt, dann aber auf wundersame Weise doch selbst zu Fuss weiter geht, am liebsten nach Hause. Und während er dem Toni den Arm um die Schulter legt, ruft er seiner Frau zu: Silvia, mach die Vorhänge auf, mich dünkt, draussen lacht bereits die Sonne! Und bring uns etwas Wein, einen Herrschäftler am liebsten, wir haben allen Grund anzustossen!

Dienstag, 12. Oktober 2010

Im Haus der Freiheit

Unglaublich ist das, Eveline flieht aus ihrem Justiz- und Polizeidepartement und sucht Asyl im Finanzdepartement! Und ich frage mich, warum bloss hat sie das gemacht? Will sie partout nicht mehr länger im Bundesrat bleiben als bis zu den nächsten Wahlen? Christian Levrat sitzt am Stammtisch mitten im sonnigen Haus der Freiheit. Er schüttelt den Kopf. Non merci, er will auch keinen naturtrüben Most, den ihm Toni Brunner vor die Nase hält. Lieber etwas Klares, spricht Christian zu seinem Gastwirt, er wolle jetzt alle seine Sinne beisammen halten. Toni lächelt und stellt eine schöne Flasche Obstler auf den Tisch. Ja, ja, die Sinne, die können manchmal schnell abhanden kommen. Auch er kenne das Problem. Mit der Eveline. Jedoch seine Partei hatte einfach kurzen Prozess mit dieser Verräterin gemacht. Christian nickt, oui, je sais, ihr habt sie gevierteilt und aus euren Reihen gekippt, aber wir von der SP leben nicht mehr im Mittelalter. Wir hatten da eher etwas Zeitgemässes im Sinn, einen kleinen Sprengstoffanschlag auf ihr Heim in Felsberg. Das war dann schwieriger als gedacht, bei den vielen Häusern kommt man leicht durcheinander. So bleibt uns nur, Madame Eveline nächstes Jahr nicht mehr zu wählen. Auf das trinken wir, gluckst ein glücklicher Toni, die Wahlvorbereitungen könnten nicht besser laufen. Sie gönnen sich beide einen grossen Schluck sauberes Obstwasser. Micheline hätte das Finanzdepartement übernehmen können, von mir aus die Eveline als ihre Stellvertreterin. Jetzt ist es vice versa. Pas bien. Und Calmy muss weiterhin ins Ausland reisen, mon dieu, wie wird sich Gaddafi freuen. Ich hätte es euch schriftlich geben können, flüstert Toni dem Christian zu, Parteipräsidenten unter sich müssen schliesslich zusammenhalten, dass sie keine Linke ist, da habt ihr Brüder euch wohl selbst ein Ei gelegt. In euer sozialdemokratisches Nest. Ein Kuckucksei, un oeuf de coucou, lacht Toni laut und schenkt Freund Christian ein weiteres Obstwässerchen ein. Mon dieu und jetzt ist das Vögelchen geschlüpft und schaut erschrocken aus dem Nest, wie der Uhu nach dem Waldrand, sagt Christian nicht mehr ganz so deutlich. Sprecht ihr von mir, fragt Fulvio Pelli, der eben in die Wirtsstube tritt. Och, raunt Levrat, der hat mir gerade noch gefehlt. Non, non, wir haben wichtigere Themen als Lügengeschichten aus dem Malcantone. Toni steht auf, begrüsst den FDPler gut gelaunt, ist es doch Brunners fulminante Idee, die beiden Streithähne auf einem aktiven, unabhängigen und neutralen SVP-Boden zusammen zu bringen. Fulvio nimmt seine beschlagene Brille ab, das passiert ihm oft, dass der klare Durchblick fehlt, wenn er einen Raum betritt. Nimm einen Schluck Freiheitswasser, amico mio, begrüsst Toni seinen Gast, sichtlich stolz darauf, auch die italienische Sprache zu beherrschen. Ich verzichte im Moment auf die Strafanzeige, beginnt Pelli, während er sich Levrat gegenüber setzt. Und ich hätte mich diplomatischer ausdrücken sollen, entgegnet dieser. Sie umarmen sich schweigend, dazu braucht es tatsächlich keine Worte mehr. Pelli nimmt die Brille ab und wischt eine Träne der Rührung weg: Wisst ihr, meine Freunde, das Ganze war nämlich nur gut gemeint von unserem Hans-Ruedi Merz, als er den Kollegen seine Nachfolge-Empfehlung vorgeschlagen hat: Bü..Bü..Bündnerfleisch!

Dienstag, 17. August 2010

Der Tanz um den Bundesrat

Sieben Jahre im Ständerat, sieben Jahre im Bundesrat, das ist genug. Die nächsten sieben Jahre gehören mir, spricht ein gefasster Hans-Ruedi Merz ins Mikrofon vor versammelter Journalistenmenge. In seinen Sommerferien – 10 Tage auf einer Jacht vor der Küste Libyens – habe er Bilanz gezogen, er sei stolz auf seine geleistete Arbeit. Doch nun wolle er seinen Sitz im Bundesrat aufgeben. Weitergeben an eine fähige Person. Mit diesem Rücktritt haben wir natürlich gerechnet, sagt FdP-Fraktionschefin Gabi Huber, darum freue ich mich, heute folgende Namen zur Nachfolgeregelung bekannt zu geben... Und dabei ist das Unglaubliche geschehen, Gabi Huber ist stehend eingeschlafen. Eingelullt von ihrer eignen, monotonen Stimme. Nicht weiter schlimm, die möglichen Kandidaten und Kandidatinnen kursieren auch ohne Hubers Dazutun. Berner Nationalrat Johann Schneider-Ammann zum Beispiel, ein erfolgreicher Mann der Wirtschaft oder die St. Galler Regierungsrätin Karin Keller-Sutter, eine erfolgreiche Frau in Sicherheitsfragen und obendrein hübsch anzusehen. Klar ist das wichtig, spricht die aufgewachte Gabi Huber, die mit tiefrotem Lippenstift etwas Farbe in ihr Gesicht bringt, bei den Frauen schaut man halt nebst dem Leistungsausweis auch auf das Optische. Kleidung, Frisur, da habens Männer einfacher. Schielt dabei auf Hans-Ruedis Gesundheitsschuhe, die er zum dunklen Anzug beinahe souverän trägt. Für mich zählt halt nur der Geist, mischt sich Moritz Leuenberger ein. Und gibt bei dieser Gelegenheit grad noch sein vorverschobenes Rücktrittsdatum bekannt. Ich habe immer gesagt und begründet, dass wir auch durchaus einen Doppelrücktritt haben können, gell, Hans-Ruedi, Hauptsache ich bin an der Neat-Durchstich-Feier und an der Klimakonferenz in Cancun mit dabei. Und danach schreibe ich ein Essay darüber, lächelt Leuenberger. Seinen Sitz übernehmen könnte die Berner Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga oder die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr. Man stelle sich vor, räuspert sich Gabi Huber, eine SP- und eine FdP-Frau würden gewählt und wir hätten fünf Frauen und zwei Männer im Bundes-Bern! Kurz darauf, nach diesem enthusiastischen Gefühlsausbruch, ist Huber erneut eingenickt. Für uns ist das zweitrangig, meldet sich Toni Brunner mit einer Direktschaltung aus seinem Beizli „Haus der Freiheit“ zu Wort, Hauptsache, unser Kandidat wird gewählt, schliesslich stehen uns zwei Sitze zu. Er habe Gölä angefragt, nach der zweiten Stange Bier jedoch hat dieser deutsch und deutlich gesagt, „i hätt no viu blöder ta“, aber jetzt „keini Träne meh“, denn es ist „widr Summer“ und er habe ganz viele „Gfüeu“, für Toni und die „Indianer“. Die Indianer, spricht Brunner so laut, dass Merz zusammenzuckt (der Indianervergleich von Steinbrück sitzt ihm noch heut in den Knochen), die Indianer und andere Urvölker haben den Ältestenrat! Somit neue Strategie, Gölä fällt aus dem Rennen und unser Christoph Blocher ist wieder Magistrat! Würde es nach dem Willen des Volkes gehen, dann wäre der beste Bundesrat auf Lebzeiten gewählt! Für beide vakanten Sitze. Jawoll, er kann das! Und während Toni sich winkend verabschiedet, wacht Gabi Huber langsam auf.

Freitag, 5. Februar 2010

Deutsche, Banken und Bundesräte

Mit der Faust schlägt der Toni auf den Tisch, keine Eier habe der Bundesrat, ruft er aus, allen voran die Calmy-Rey! Ich stell sie mir sogleich vor und denk, anders wärs ja vermutlich auch nicht recht, da fährt Brunner fort: „Landesverrat hat sie betrieben, die Position der Schweiz in zukünftigen Verhandlungen massiv geschwächt!“ Er umklammert ein Glas Wasser, jetzt sei genau der richtige Zeitpunkt, um den ganzen Haufen dort oben in Bern auszumisten und vom Volk den Bundesrat wählen zu lassen! Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, streicht dabei sanft über seine gelbe Krawatte, die er zu einem kurzarmigen Hemd trägt, auf dessen Kragen ein kleines SVP-Sünneli strahlt. Ich nicke und überleg, ja, dem Toni würde ich meine Stimme geben. Erstens, weil er immer eine glatte Frisur trägt und zweitens, weil er seinen Wählern einen Wurstsalat in seiner Landbeiz Sonne verspricht. Sollte er dann Bundesrat werden. Ferner würde ich den Christoph Mörgeli wählen. Hat ebenfalls hübsche Haare und obendrein mein tief empfundenes Mitgefühl, wurde ihm erst kürzlich eine Chefin vor seine Nase gesetzt. Sie bekam den Job, den er selbst gerne gehabt hätte. Als ob das nicht schlimm genug wäre, musste es dazu noch eine Deutsche sein! Hässlich das Ganze. Immer diese Deutschen. Nehmen uns alles weg. Die Wohnungen, die guten Filz-Stellen in Unis und Spitälern, die Parkplätze, die Frauen. Und nun die Banken. Samt dem vielen schwarzen Steuergeld. Schön sei das nicht, sagt Finanzminister Schäuble, wie Deutschland zu diesen Daten gekommen sei. Aber ein gewisses Verständnis den Schweizer Bankmanagern gegenüber, die unlängst mit Minimalboni abgestraft wurden und sich halt mit Datenkopieren etwas dazuverdienen müssen, habe er schon. Eben in der Krisenzeit soll man sich zu helfen wissen. Und Aussenminister Westerwelle erinnert alle Beteiligten hüben wie drüben daran, besonnen zu reagieren, schliesslich gehe es um die Beziehungen von zwei freien, befreundeten Nationen. Toni schüttelt den Kopf, er wolle von den Deutschen rein gar nichts mehr hören. „Gut, schicken wir sie alle zurück, und lass uns grad mal mit ihrem Schwarzgeld anfangen“, ruf ich ihm hinterher, aber da hat er unsre Haustüre bereits zugeschlagen.