Donnerstag, 15. Oktober 2015

Schlossgespräche: Ross und Reiter

Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, schimpft Christoph Blocher und schaut streng in die Runde. Eine ausserordentliche Sitzung im Schloss Rhäzüns ist einberufen. Draussen pfeift der Herbststurm hässig um die Mauern und rüttelt an den Fenstern. Drinnen im Herrenzimmer sitzen Amstutz, Mörgeli, Köppel, Brunner und Martullo am polierten Eichentisch. Letztere natürlich neben ihrem Vater. Dass wir die Wahlen gewinnen ist sonnenklar, fährt Blocher fort, wir müssen uns heute einzig auf den zweiten Bundesrat einigen, damit wir alles zackig vorwärts bringen, dort oben in Bern. Nicht so schnell, ruft ein sichtlich aufgeregter Toni Brunner, es ist doch meine erste Sitzung als Protokollführer! Christoph hat ihm einen Laptop hingestellt. Mit einem ausgeklügelten Rechtschreibeprogramm. Doch als hätte ers geahnt, wie langsam Tonis Finger über der Tastatur kreisen, liegt daneben noch ein Notizblock bereit. Ein Sünneli hat der Brunner Toni nun schon darauf gemalt und dahinter ein Fragezeichen. Das steht für Bundesrat, klärt er den Roger Köppel auf, der ein wenig konsterniert auf das sonst noch leere Blatt Papier schielt. Köppel räuspert sich, drückt seine Brille auf dem Nasenrücken zurecht und als er gerade zu einer brillanten Rede ansetzen will, winkt Magdalena Martullo ab. Roger, spar dir deine schlauen Worte für den Nationalrat auf. Was wir hier suchen ist der neue, der richtige Bundesrat aus unserer Reihe, komm, machen wir doch grad mal eine Übung dazu: Was würdest du tun, wenn du als Bundesrat eine Präsentation machen willst und dein Beamer ist kaputt? Hä? Mister Köppel, was würdest du tun? Hä, Mister Amstutz? Brunner Toni kaut angespannt auf dem Bleistift herum, das Sünneli hat er durchgestrichen und „kaputt“ darunter gekritzelt. Hä, Mister Mörgeli, doppelt Martullo nach, what is se first sing to do? Vater Christoph lehnt sich entspannt in seinen Louis-quinze-Stuhl zurück, schon gut hat er seine Magdi ins Ausland geschickt, das Internationale verkörpert sie helvetisch souverän, logisch, se apple does not fall far from se tree! Amstutz schnaubt und streicht sich eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Mörgeli neben ihm lächelt süffisant, seit ich meine Haare färbe, sehe ich aus wie neununddreissig und selbst meine Freundinnen werden immer jünger, verstehst du? Martullo blafft ihn an: Mister Mörgeli, wenn du hier nichts zur Lösung beitragen kannst, dann hör gefälligst auf zu tuscheln! Die Herren schweigen. If you have a problem you need to fix it!, hilft Martullo ihnen auf die Sprünge. Ich könnte mich leicht als Bundesrat wählen lassen, versucht Amstutz sich zu erklären, man nennt mich schliesslich den Alpen-Richard-Gere, die Frauen vom ganzen Berner Oberland stehen hinter mir, doch als Fraktionspräsident unserer Partei kann ich ja nicht gleichzeitig Ross und Reiter sein! Ha, ha, schnaubt Martullo verächtlich, damit hat unsereins kein Problem, ich gehe locker als Ross durch und reiten kann ich auch! Und da wirds den Männern in der Runde schlagartig klar, dass sie nur Steigbügelhalter für die neue Bundesrätin sind! Während Köppel verbissen auf seiner Unterlippe kaut, Amstutz und Mörgeli blutleer auf ihren Stühlen kleben, applaudiert Christoph seiner Tochter. Inzwischen hat Toni konzentriert ein stämmiges Pferd gezeichnet. Das Protokoll ist jetzt fertig, strahlt er stolz.

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