Freitag, 4. Februar 2011

Martullo von der Post

Während Silvia sich weiterhin um die Primarschulen kümmert und harmlos durch das Land tingelt, pendelt Tochter Magdalena fleissig zwischen Zürcher Goldküste und Bündner Chemieebene. Die väterliche Fabrik will schliesslich mit gut erzogener Härte geführt sein. Derweil sitzen die Männer daheim in Herrliberg am runden Stubentisch und hecken neue strategische Pläne aus. Du bist jetzt schon ein guter SVP-Politiker, sagt Christoph zu Roberto, aber du musst richtig auffallen, damit das Zürcher Volk dich wahrnimmt und in den Kantonsrat wählt. Roberto nickt. Christoph schiebt den Stuhl zurück, zieht schwer an der obersten Schublade der dunklen Eichenkommode, holt einen Bündel Hunderternoten und ein paar eingerollte Plakate heraus, drückt sie seinem Schwiegersohn in die Hand und schickt ihn damit hinunter ins Dorf. Aufhängen, ruft er ihm noch nach, vor der Post, in der Post. Pfeifend stapft Roberto den Hang hinab, endlich hat er eine Aufgabe, die ihm gefällt, klebt das erste Plakat auf die reservierte Werbefläche und tritt ein paar Schritte zurück. Ein gutaussehender Mann, dieser Martullo, denkt er sich, ich würde ihm sofort meine Stimme geben. Kurze Zeit darauf strahlt Robertos Konterfei um mehrere Poststellen der Goldküste. 1200 Franken kostet die ganze Aktion, aus Schwiegervaters Portokasse lässts sich gut investieren. Stolz berichtet er am Abend seiner Magdalena vom gelungenen Auftritt. Sie lächelt müde, schön den Ehemann so glücklich zu sehen, denkt sie sich und döst sofort auf dem Sofa ein. Roberto, nachdem er die drei Kindern mit einem Liedchen aus der Ganztageskrippe in den Schlaf gesungen hat, deckt seine Magdi mütterlich mit einer Wolldecke zu, sie jetzt ins Bett zu tragen wäre wohl eine zu schwere Aufgabe für ihn. Mit seinen Kräften muss er nun haushälterisch umgehen. Die SVP braucht ihn mehr denn je, viele neue Aufgaben warten auf ihn. Eine davon bereits anderntags: Sämtliche aufgehängten Plakate aus den Postfilialen subito entfernen! Kunden hätten sich beschwert, sie fühlten sich beim Briefmarkenkaufen beobachtet. Unglaublich, ruft Christoph ins Dorf herunter, wir sind freie Bürger und dürfen werben mit wem und wo wir wollen! Tatsächlich aber heisst es in den allgemeinen Geschäftsbedingungen betreffend Vermietung von lokalen Werbeflächen in Poststellen: Als unzulässig gilt Werbung, die religiöse, politische oder pornografische Themen beinhaltet. Pornografisch, überlegt Martullo kurz spitz, hätte er vielleicht seine Martulla fragen sollen, ob sie sich für ihn und die SVP...? Er schüttelt den Kopf und steigt mit den restlichen Plakatfetzen langsam den Hügel wieder hinauf. Heim zu Christoph. In der dunklen Eichenkommode liegt bestimmt noch eine weitere Trumpfkarte. Da ist er sich ganz sicher.

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