Sonntag, 2. August 2015

10 Jahre jünger?


Kurz nach meinem 50. Geburtstag hab ich also einen topseriösen Test im Internet gemacht und mir mein biologisches Alter von 42,5 Jahren errechnet. Ha! Somit ich höchstens ein halbes Jährchen älter bin als die Heidi Klum! Fehlt mir bloss noch der junge Schnabel Vito in meiner Vita. Aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus. Meine äussere Erscheinung will nämlich mit meinem jungen Innenleben nicht recht zusammenpassen. Die Schwerkraft wirkt und das Gesicht hängt mir bald zum Hals raus. 53’300 Schönheitsoperationen wurden im letzten Jahr in der Schweiz vorgenommen. Fast so viele wie in Brasilien. Dort wird ja bekanntlich sehr gerne und viel herumgeschnipselt und Zeugs entfernt, an welchen Körperteilen auch immer. Im Tagesanzeiger hat vor ein paar Monaten ein für seine Wanderungen in Höhen und Tiefen bekannter Journalist eine Bündner Chirurgin interviewt, die in einer renommierten schicken Zürcher Klinik ihr Handwerk beherrscht. Mit Rucksack sei er da aufgetaucht und habe ohne Hemmungen über Schamlippenverkleinerungen gesprochen, natürlich nicht über seine, das wäre dann doch zu privat, aber andere Schönheitsoperationen seien längst ausgeleiert und niemand interessiere sich dafür. Nun ja, ich wüsste da schon jemand. Zwei Tage später sass ich im Wartezimmer just bei dieser Frau Doktor. Schickes Interieur, warme Farben, Duftkerzen. Denn, so hab ich ebenfalls kürzlich gelesen, eine Studie belegt, Hamster, die in einem aufgehübschten Käfig residieren, mit exklusivem Laufrad und Hüpfburg und einem Chalettraum von Nagerheim, sind optimistischer als Hamster in einem tristen Käfig. Und tatsächlich, nach etwa zwei Minuten bin ich bereits etwas entspannter, sicherer, zufriedener gar und beinahe faltenfrei. Und grad als ich den Anmeldeschein bei der Empfangsdame wieder zurückfordern will, hat Frau Doktor mich abgeholt, mich in ihren Behandlungsraum gebeten und mir einen bequemen Sessel angeboten. Mir gegenüber die bildschönene Ärztin, Alter 42, biologisches mindestens 10 Jahre darunter, dunkles volles Haar, ebenmässiges Gesicht, die Luft zum Atmen wird mir ganz dünn. Dann haben wir ein wenig über Graubünden geplaudert, mein Herz öffnet sich und spätestens jetzt wird mir das Ganze mehr als peinlich. Aber nun bin ich schon mal hier, wieso nicht doch meinen Problemkropf leeren? Der Hals plagt mich, brichts aus mir heraus, mit seinen Falten, weil das Gesicht da oben nicht mehr so recht will und sich hängen lässt. Kurze Stille. Frau Doktor drückt ihre schwarzumrandete Brille auf ihrem feinen Nasenrücken zurecht und schaut mich intensiv mit ihren mandelförmigen, dunklen Augen an. Also, antwortet sie ruhig, dies ist voll der harte Fall, und leider nein, es gibt kein as biz hinter den Ohren ziehen, quasi 2 Millimeter und alles wird gut, nein, nein, hier gibts nur das grobe Geschütz, da hilft einzig ein totales Facelifting! Sie zieht aus ihrer Schublade eine Reihe von Fotos. Vorher-, Während- und Nachher-Beweise. Der Schnitt läuft von oben nach unten, es wird gehoben und geschoben und nein danke, ich bin glaubs noch nicht so weit, hab ich gestottert. Sie hat gelächelt und bei der Verabschiedung mir leicht auf die Schultern geklopft, die Augenlider könnte ich mir ja trotzdem mal liften lassen, hat sie mir mit makellosem Augenaufschlag zugeraunt, kleine Sache, grosse Wirkung und wer schaut dann noch auf den Hals? Stimmt. Jetzt wo sies sagt. Nun aber seh ich jeden Morgen nicht nur die Falten am Hals, nein, auch das Aug, das hängt. Jedoch bis zum Schritt für den OP-Schnitt freue ich mich erst mal an meinem neuen Hamsterrad. Schöner Wohnen macht glücklich. Und glückliche Menschen sehen jünger aus. Zumindest biologisch.

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