Donnerstag, 23. August 2012

50 Grad im Schatten

Was für ein Sommer! Endlich heisse Tage und ebensolche Nächte! Es darf ungeniert geschwitzt werden! Selbst das Sommerloch 2012 wurde heiss gestopft: Fifty Shades of Grey von E .L. James, zu deutsch „Fünfzig Grautöne“ oder eher doch „die fünfzig Schatten des Grey“. Ein süffiges Buch für die Frau von heute, die kürzlich noch mit Carrie Bradshaw in ‚Sex and the City’ und den ‚Desperate Houswifes“ in der Wisteria Lane unterwegs war und jetzt an der Klimakteriumsschwelle steht. Unter uns, selten hab ich solche Schweissausbrüche erlebt, natürlich nicht nur weil das Thermometer gegen 50 Grad geklettert ist. Der Ehemann etwas irritiert ob der gehäuften Wallungsattacken seiner Angetrauten, während eines biederen Lesenachmittags. Die Sommerschwüle, lächle ich, sie treibt wohl Schabernack mit meinen Hormondrüsen. Dies gesagt, stürze ich mich auf ihn und lasse meine aufgestaute Hitze an ihm aus...

Zurück zum Buch, die Story selbst ist schnell erzählt, eine hübsche, junge 21jährige Literaturstudentin (etwas Gebildetes in diesem Gebilde schadet nicht...) namens Anastasia Steel, verfällt dem unverschämt gutaussehenden, 27jährigen, aber doch schon sehr reifen (dies ein nicht unwichtiges Detail für die Frau ab vierzig...) und sehr, sehr reichen Christian Grey. Grey hatte eine schlimme Kindheit, so lässt ers nach und nach durchsickern und kann deshalb nicht lieben, viel besser kann er aber mit Leder und Peitschenhieben umgehen, soviel zu den Grautönen. Damit hält er die junge Anastasia bei der Stange (und ebenso die geneigte Leserin). Endlich auf Temperatur gebracht wirds schnell feucht und heiss zwischen den Beinen und Zeilen und am Ende wissen wir: Fifty Shades of Grey ist ein Hardcore-Rosamunde-Pilcher-Roman mit viel Sex in the City für die verzweifelte Hausfrau.

Alles wie im richtigen Leben. Eine echte Studie, ebenfalls aus dem Sommerloch, belegt, dass rund 600 000 Schweizer und Schweizer auf Partnersuche im Netz sind. „elitepartner.ch“ zum Beispiel vermittelt dir den perfekten Partner, einen gut situierten Akademiker, einen elektrisierenden Stromer oder eben Christian Grey mit seinen Handschellen. Sollte die heisse Luft beim angetrauten Ehepartner bald ausgegangen sein, kann die prickelnde Untreue per Mausklick geordert werden. Zwei Drittel der User sind Männer, die anderen nicht. Die altersmässig grösste Gruppe unter den Männern sind die 46- bis 52jährigen, unter den Frauen die 30- bis 38jährigen. Die 40-jährigen Frauen lesen ja auch schon Shades of Grey und sind somit vollauf beschäftigt, während die Männer ab Mitte fünfzig sich dem Golfspiel widmen. Rund 450 000 Schweizerinnen und Schweizer besuchen monatlich ein Seitensprungportal und geben dort pro Kopf rund 4 Franken aus, 48 Franken im Jahr. In keinem anderen Land der Welt geben Bürger mehr aus für die virtuelle Vermittlung von Fremdgehern als in der Schweiz.

Indes, diese 48 Franken könnte man sich sparen, indem man zu Shades of Grey greift, sich auf fünfzig Grad erhitzt und zur Kühlung seine Kleider ablegt sowie den Partner im gemeinsamen Gemach. So pflegen wir sogar noch zutiefst schweizerische Werte wie die Sparsamkeit, das Buch kostet ja nur 19 Franken und für die Differenz liegt bestimmt noch eine kleine Peitsche drin. Wenn das keine stehenden Ovationen gibt...

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